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Tarot begleitet mich tatsächlich schon wesentlich länger als Cyberpunk 2077. Meine Faszination dafür begann bereits in der Schulzeit, wobei das damals alles andere als ernst oder besonders spirituell war. Ich hatte Spaß an den Karten, ihren Motiven und vor allem daran, was man alles in sie hineininterpretieren konnte. Also habe ich meinen Mitschülern Karten gelegt und mir dazu irgendwelche Geschichten ausgedacht. Rückblickend war das vermutlich eine Mischung aus Fantasie, Improvisation und dem Reiz, aus einigen zufällig gezogenen Bildern plötzlich eine zusammenhängende Erzählung entstehen zu lassen.

Diese Begeisterung für Tarot ist geblieben. Seit ungefähr 20 Jahren besitze ich ein Rider-Waite-Tarot, und auch wenn ich mich selbst nicht als jemanden bezeichnen würde, der seine Zukunft von Karten abhängig macht, haben mich die Symbolik und die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten nie losgelassen.

Genau deshalb hat mich „Cyberpunk 2077: Das offizielle Tarot-Set“ sofort neugierig gemacht. Für mich treffen hier zwei Dinge aufeinander, die erstaunlich gut zusammenpassen: einerseits Tarot mit seinen archetypischen Figuren, Symbolen und Interpretationen, andererseits die Welt von Cyberpunk 2077, in der es ständig um Identität, Veränderung, Entscheidungen, Vergänglichkeit und den eigenen Platz in einer ziemlich kaputten Gesellschaft geht. Das Ergebnis ist für mich deshalb weit mehr als einfach nur ein weiteres Merchandise-Produkt mit einem bekannten Videospiel-Logo.

Tarot funktioniert für mich auch ganz ohne Blick in die Zukunft

Bevor ich auf das eigentliche Cyberpunk-Set eingehe, ist mir bei dem Thema eine Sache wichtig. Bei Tarot bewegen sich die Meinungen schnell zwischen zwei Extremen. Die einen sind fest davon überzeugt, dass die Karten Antworten geben oder zukünftige Entwicklungen vorhersagen können, während die anderen das gesamte Thema reflexartig als Unsinn abtun. Ich finde beide Reaktionen für meinen persönlichen Umgang mit Tarot eigentlich nicht notwendig.

Ich kann nachvollziehen, warum Menschen Tarotkarten verwenden, ohne daraus gleich eine Grundsatzdiskussion über Spiritualität oder Wahrsagerei zu machen. Eine Karte kann einen Gedanken auslösen, auf den man vorher nicht gekommen wäre. Eine Interpretation kann dazu führen, eine Entscheidung aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Manchmal benötigt man vielleicht auch einfach einen kleinen motivierenden Arschtritt, um sich mit einem Problem zu beschäftigen, das man seit Wochen vor sich herschiebt. Gerade weil die Motive vielseitig interpretierbar sind, eignen sie sich meiner Meinung nach hervorragend dafür, Gedanken in Bewegung zu bringen.

Ob jemand darin mehr sieht und an eine spirituelle Bedeutung glaubt, muss jeder selbst entscheiden. Für meinen eigenen Umgang mit den Karten reicht schon die Tatsache, dass sie Fragen auslösen können. Was beschäftigt mich gerade? Warum interpretiere ich ein Motiv auf eine bestimmte Weise? Warum passt eine Aussage für mich gerade erstaunlich gut oder überhaupt nicht? Selbst wenn am Ende nichts Übernatürliches dahintersteckt, kann aus so einer Beschäftigung ein interessanter Gedankengang entstehen.

Und ausgerechnet Cyberpunk 2077 ist dafür eine verdammt passende Welt.

Tarot ist in Cyberpunk 2077 schließlich kein Fremdkörper

Wer Cyberpunk 2077 gespielt hat, kennt natürlich Misty Olszewski und Misty’s Esoterica. Tarot und Spiritualität stehen dort in einem interessanten Kontrast zu einer Welt, die von Technologie, Körpermodifikationen, Konzernen und künstlicher Intelligenz geprägt ist. Gleichzeitig begegnet V im Verlauf der Geschichte den Tarot-Motiven überall in Night City. Die Karten begleiten damit eine Geschichte, in der die eigene Identität und die Frage, wer man eigentlich ist oder zu wem man wird, ohnehin eine enorme Rolle spielen.

Im Spiel entdeckt V die Tarot-Motive an verschiedenen Orten in Night City. Sie sind mit der Nebenmission „Fool on the Hill“ und wichtigen Stationen der Handlung verbunden. Misty wiederum interpretiert die Karten innerhalb der Geschichte für V. Dadurch sind sie nicht einfach ein nachträglich aufgesetztes Designmotiv, sondern gehören tatsächlich zur Erzählung von Cyberpunk 2077. Wer noch etwas tiefer in das Spiel einsteigen möchte, findet hier auf Redaktio einen Beitrag zum Thema „Cyberpunk 2077: Alles was du wissen musst„.

Das macht das offizielle Tarot-Set für mich wesentlich spannender als viele typische Merchandise-Produkte. Würde man einfach 78 Screenshots aus dem Spiel auf Tarotkarten drucken und ein Cyberpunk-Logo auf die Verpackung setzen, wäre das vielleicht ein nettes Sammlerstück. Hier funktioniert die Verbindung aber auch inhaltlich.

78 Karten statt eines kleinen Fan-Sets

Das offizielle „Cyberpunk 2077 Tarot-Set“ ist ein vollständiges Tarot-Deck mit 78 Karten. Dazu kommt ein 128 Seiten starkes Begleitbuch, das bei der Interpretation und beim Legen der Karten helfen soll. Die Illustrationen stammen von Jakub Rebelka und greifen die visuelle Welt von Cyberpunk 2077 konsequent auf.

Gerade die Zahl 78 ist dabei wichtig. Hier bekommt man eben nicht nur die bekannten Motive aus dem Videospiel als kleines Sammler-Kartenset, sondern ein Tarot, das grundsätzlich auch tatsächlich zum Kartenlegen gedacht ist. Neben der „Großen Arkana“ gibt es entsprechend auch die „Kleine Arkana“ und Figurenkarten. Für mich ist das einer der größten Pluspunkte des Sets. Es bewegt sich dadurch zwischen Sammlerstück und wahrlich verwendbarem Tarot-Deck.

Ich kann die Karten in die Sammlung stellen und mich einfach an den Motiven erfreuen, ich kann sie aber genauso gut mischen und damit arbeiten. Gerade als jemand, der seit vielen Jahren ein klassisches Rider-Waite-Deck besitzt, finde ich diesen Unterschied entscheidend. Ein reines Set mit den aus dem Spiel bekannten Karten hätte ich ebenfalls interessant gefunden – das hier ist aber deutlich mehr.

Jakub Rebelkas Cyberpunk-Tarot sieht nicht nach umetikettiertem Rider-Waite aus

Natürlich steht und fällt ein Tarot-Deck für mich mit seinen Bildern. Ein Tarot kann noch so schön verpackt sein: Wenn mich die Motive nicht beschäftigen, verliere ich schnell das Interesse daran. Genau hier spielt das Cyberpunk-Set seine vielleicht größte Stärke aus. Jakub Rebelka übersetzt die Symbolik in diese dreckige, grelle und teilweise verstörende Welt von Night City, ohne dass die Karten dadurch wie bloße Fan-Art wirken.

Die Gestaltung ist düster, kontrastreich und stellenweise unangenehm – und ich meine das ausdrücklich positiv. Cyberpunk 2077 ist schließlich keine Welt, die nach pastellfarbenen Sonnenuntergängen und beruhigenden Kalendersprüchen verlangt. Menschen und Maschinen verschmelzen, Körper werden verändert, Identitäten geraten ins Wanken und hinter dem nächsten Neonlicht wartet meistens schon das nächste Problem. Genau diese Stimmung vertragen die Tarotmotive ausgesprochen gut.

Wer vom Rider-Waite-Tarot kommt, muss sich deshalb natürlich umgewöhnen. Beim klassischen Rider-Waite-Deck haben sich viele Bilddetails über Jahrzehnte als visuelle Orientierung etabliert. Man erkennt bestimmte Figuren, Gegenstände und Situationen und verbindet damit relativ schnell mögliche Bedeutungen. Ein thematisch stark neu interpretiertes Deck verlangt mehr Beschäftigung. Für mich ist das allerdings kein Nachteil, sondern einer der Gründe, überhaupt unterschiedliche Tarot-Sets interessant zu finden. Wenn jede Karte nur das bekannte Bild in einer leicht anderen Zeichenart zeigen würde, könnte ich auch bei meinem alten Deck bleiben.

Wer sich die Box, das Begleitbuch und einige der Karten genauer ansehen möchte, findet außerdem ein ausführliches Video zum Set auf YouTube:

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Weitere Informationen

Das Begleitbuch ist wichtiger, als man zunächst denkt

Bei einem solchen Deck gehört das Begleitbuch für mich zwingend zum Gesamtkonzept. Dem Set liegt ein 128-seitiges Handbuch bei, das dabei helfen soll, die Karten zu deuten. Gerade bei einem Tarot, das eine etablierte Symbolwelt derart konsequent mit einem Videospieluniversum verbindet, ist das sinnvoll.

Natürlich kann man eine Tarotkarte betrachten und zunächst komplett frei überlegen, was sie persönlich auslöst. Das habe ich schon als Schüler gemacht – damals allerdings eher mit dem Ziel, meinen Mitschülern möglichst unterhaltsame Geschichten zu erzählen. Wer Tarot etwas strukturierter einsetzen möchte, benötigt irgendwann aber einen Zugang zu den traditionellen Bedeutungen der Karten. Genau dort kann ein solches Buch die Brücke zwischen klassischem Tarot und Cyberpunk schlagen.

Für Einsteiger finde ich das besonders wichtig. Wer dieses Set ausschließlich deshalb kauft, weil Cyberpunk 2077 auf der Verpackung steht, besitzt vielleicht vorher noch gar kein Tarot. Dann wäre es schade, wenn nach dem Auspacken zwar 78 großartig gestaltete Karten auf dem Tisch liegen, aber niemand eine Ahnung hat, was er damit anfangen soll. Das umfangreiche Begleitbuch macht aus dem Merchandise-Produkt deshalb ein wesentlich vollständigeres Paket.

Vielleicht ist Cyberpunk sogar ein ziemlich guter Einstieg in Tarot

Normalerweise würde ich einem völligen Tarot-Neuling wahrscheinlich zunächst ein Rider-Waite-Deck zeigen, weil unglaublich viel Literatur, Erklärungen und Interpretationsmaterial darauf aufbauen. Gleichzeitig kann ich mir aber vorstellen, dass gerade dieses Cyberpunk-Set Menschen erreicht, die sich ansonsten niemals ein Tarot gekauft hätten.

Und vielleicht liegt darin sogar ein besonderer Reiz. Wer V durch Night City begleitet hat, kennt viele der Themen bereits, die Tarot spannend machen kann: Entscheidungen und ihre Konsequenzen, Veränderung, Verlust, Hoffnung, Beziehungen, Macht, Tod, Neubeginn und die Frage nach der eigenen Identität. Das Videospiel erzählt ständig von Menschen, die irgendeinen Weg suchen und häufig erst viel zu spät merken, welchen Preis dieser Weg haben kann.

Tarotkarten greifen ebenfalls mit Symbolen und Archetypen solche grundlegenden Situationen und Konflikte auf. Man muss deshalb gar nicht daran glauben, dass eine zufällig gezogene Karte die Zukunft kennt, um sich mit ihrer Aussage auseinanderzusetzen. Vielleicht zieht man eine Karte und denkt anschließend fünf Minuten über eine Entscheidung nach, über die man vorher nur fünf Sekunden nachgedacht hätte. Vielleicht bestätigt sie einen Gedanken, vielleicht widerspricht sie ihm und vielleicht entsteht daraus überhaupt nichts. Auch das ist vollkommen in Ordnung.

Sammlerstück oder echtes Tarot? Für mich ist es beides

Das ist letztlich der Punkt, der mir am „Cyberpunk 2077 Tarot-Set“ besonders gefällt. Man hätte es sich wesentlich vereinfachen können. Ein paar bekannte Motive aus dem Videospiel, eine schicke Schachtel drumherum und fertig wäre das nächste Sammlerprodukt gewesen. Stattdessen umfasst das Set 78 Karten und wird durch ein umfangreiches Handbuch ergänzt. Damit richtet es sich sowohl an Cyberpunk-Fans als auch an Menschen, die die Karten tatsächlich benutzen möchten.

Natürlich muss man den Stil mögen. Wer von Tarot besonders klassische, spirituelle oder historische Illustrationen erwartet, dürfte mit Night City, Cyberware und der aggressiven Bildsprache zunächst fremdeln. Wer Cyberpunk 2077 kennt, bekommt dagegen ein Deck, das sich nicht einfach nur den Namen der Marke aufklebt, sondern erstaunlich logisch in diese Welt passt.

Für mich persönlich kommt dann noch meine lange Geschichte mit Tarot hinzu. Von den improvisierten Kartenlegungen für Mitschüler in der Schulzeit über mein Rider-Waite-Tarot, das mich inzwischen seit rund 20 Jahren begleitet, bis zu diesem vollkommen anderen Ansatz aus Night City spannt sich ein ziemlich großer Bogen. Vielleicht ist genau das auch der Grund, warum mich dieses Produkt stärker anspricht als gewöhnliches Gaming-Merchandise.

Langzeitmotivation wurde aktiviert

Cyberpunk 2077: Das offizielle Tarot-Set schafft für mich etwas, das bei Lizenzprodukten längst nicht selbstverständlich ist: Die Verbindung ergibt tatsächlich Sinn.

Tarot ist bereits ein Bestandteil der Welt und Geschichte von Cyberpunk 2077. Misty, die Karten und die überall in Night City auftauchenden Motive sind vielen Spielern vertraut. Ein vollständiges Tarot daraus zu entwickeln, fühlt sich deshalb wesentlich natürlicher an als der nächste Kaffeebecher oder irgendeine Sammelfigur mit Cyberpunk-Logo.

Gleichzeitig gefällt mir, dass man das Set auf unterschiedlichen Ebenen betrachten kann. Ein Cyberpunk-Fan kann es wegen der Illustrationen und der Verbindung zum Spiel kaufen. Ein Tarot-Fan bekommt eine ungewöhnliche Neuinterpretation eines vollständigen 78-Karten-Decks. Und wer irgendwo dazwischenliegt, kann die Karten einfach nutzen, um gelegentlich einen anderen Blickwinkel auf eine Frage oder Entscheidung zu bekommen.

Ich werde auch nach rund 20 Jahren mit meinem Rider-Waite-Tarot nicht plötzlich jede Entscheidung meines Lebens von einer gezogenen Karte abhängig machen. Aber darum geht es für mich auch gar nicht. Manchmal kann ein Symbol einen Gedanken anstoßen. Manchmal hilft eine Interpretation dabei, etwas aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Und manchmal braucht man vielleicht wirklich nur diesen kleinen motivierenden Arschtritt, um eine längst überfällige Entscheidung endlich ernsthaft zu durchdenken. Wenn dieser Impuls dann ausgerechnet aus Night City kommt, habe ich damit überhaupt kein Problem.

Cyberpunk 2077: Das offizielle Tarot-Set enthält 78 Tarotkarten sowie ein 128-seitiges Begleitbuch und ist direkt bei Panini erhältlich* oder hier auf Amazon kaufen*.

Weitere Themen rund um Karten abseits von Sammelkarten gibt es übrigens hier bei Kartenfan in der Kategorie „Kartenspiele„, wobei ich Tarot jetzt hiermit nicht als Kartenspiel bezeichnen möchte.

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